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Ende Oktober hat es schließlich einen Schwarm ungewöhnlicher Zugvögel aus der ehemaligen k. und k.-Hauptstadt und Donau-Metropole Wien in die nördlichste Stadt Italiens verschlagen, nach München. Kein Wunder, dass der Prince of Wales in Münchner Ohlmüllerstraße in diesen Tagen als quadratischer Micro-Kunsttempel-Tempel in Neonlicht und Farbe erstrahlt, ist die Formation der Flugobjekte doch eben dort hängen geblieben. Betritt man den kleinen Raum im Erdgeschoss des PoW, findet man sich dort auch –deutlich säkularer – in einer Art inversem Club wieder: Denn die ausgestellten Objekte evozieren einen imaginären Sound, provozieren eine synästhetische Erfahrung: Es ist laut, aber man hört nichts; wo es sonst dunkel ist, ist es hier hell.

Das auf dem Boden ausgebreite Frottétuch, umrahmt von gleisenden Neonröhren, in rhythmischen Pattern zusammengenäht, erinnert an das trocknende Handtuch nach dem Rockkonzert, oder die Dusche am Morgen nach dem Club. Als Schweißtuch ist es natürlich auch Ikonen-Zitat. Der eingebildete Klang rührt her von den rund dreißig schwebend- fliegenden Gitarrenobjekten, die der Wiener Künstler Bernhard Rappold eingeladen von Kurator Leo Lencses in der Ausstellung Twang of Ten an drei Wänden montiert zeigt: Jede einzelne ist eine Skulptur, ein Unikat nicht bloß in den zahlreichen Details, die es zu bewundern gibt. Sie sind Kompositionen aus unterschiedlichen Holzarten, Stoffen, Farben, Beize, Metall und PVC. Jede ist objekthaft, zum Teil sind sie wie Schmuckstücke verziert, Schätze für Wand oder Vitrine, zum Teil spröde, grob und cool. Nicht alle Saiten sind aufgespannt, aber jede Gitarre ist potentiell spielbar.

Als Kultgegenstand und als Kunstwerk zugleich reüssieren sie auf der Grenze zwischen Skulptur, Ikone der Popgeschichte, Designobjekt und Musikinstrument – und verwischen dabei jene zwischen Massenkultur und Kunst. Im Prince of Wales wirken sie groß und scheinen buchstäblich abgehoben, schwebend, als seien sie zwischen Boden und Decke hängen geblieben oder gerade im Begriff in den Himmel zu steigen, was wiederum an Yves Kleins abhebenden Silhouetten auf „Die Menschen beginnen zu fliegen“ erinnert. Sie sind ästhetisch und sind doch rough in ihrer Materialität, und ähneln daher nicht nur schönen Vögeln, sondern rufen doch auch Assoziationen mit fallende Bomben oder durch die technischen Details – den Tonabnehmer, die aufgezogenen Metallseiten – mit einem Schwarm Drohnen auf. Kann eine Gitarre auch eine Waffe sein? Für Jimmy Hendrix in einem historischen Moment – ja.

Steigt man über die steile Treppe ins obere Stockwerk des Pavillons, finden sich dort zwei auf Keilrahmen aufgespannte, schmale Hochformate, die jeweils an die Wand gelehnt sind. Die dynamischen Malereien sind fast monochrom, wirken farblich reduziert auf helle Blautöne, sind aber bei genauerer Betrachtung durchscheinend vielfarbig. Das undefinierbare Hintergrundleuchten des ausgewaschenen Leintuchs bildet einen starken Kontrast zum angenähten, kalkweißen Bildrand aus Leintuch, der wie eine Leiste das schmale Hochformat betont. Die Malerei grenzt durch die feinen Linien an eine Zeichnung, die tief in die Textur des ungrundierten Stoffes eingezogen ist.

Die Verwendung ungewöhnlicher Malgründe und Malmittel ist typisch für Bernhards Rappolds experimentellen, post-abstrakten Malereibegriff, der stets mit einer breiten Palette verschiedener Kategorien und Ausdrucksformen arbeitet: Dies sind Variationen von Techniken und diverser Pinselführung von opaker, deckender Ölmalerei bis hin zu feinen, ausgewaschenen Linien oder Grafitzeichnungen. Partien von trocken aufgetragener, quasi aufgebürsteter Farbe, Ölkreide und Filzstift wechseln sich ab mit über die Leinwand gegossenen, flüssigen Farbemulsionen aus Lösungsmittel und Wasser. Teils werden die so bearbeiteten Leinwände wieder abgespült und ausgewaschen und so einem intensiven, zeitlich ausgedehnten Bearbeitungsprozess unterzogen.

Neben der Affinität zu alternativen Malgründen und Bildträgern – von Karton, Pappe, nicht-aufgespannten Leinwänden bis zur Verwendung von teils bedruckten, industriell gefertigten Textilien aus der Gastronomie- und Hotelbranche und traditionell bestickte oder geprägte Leintücher und Tischdecken aus dem 19. Jh. – lassen sich als Determinanten auf der Ebene des Materialität und der Darstellungsform, Körperlichkeit und Zeitlichkeit nennen – Elemente einer kontemplativen Kunst. Trotz des breiten Panoramas an Ausdrucksmitteln zieht sich die unverwechselbare Formensprache, die Bernhard Rappold im Laufe seiner Tätigkeit entwickeln konnte, als roter Faden durch seine Arbeiten.

Die im PoW ausgestellten Malereien zeigen beide je eine schwangere sitzende Gestalt. Das Gesicht der ersten, im Profil wirkt flach und maskenhaft, insgesamt ist sie eindeutig weiblich, während die andere im Halbprofil mit grotesken Gesichtsausdruck und scheinbar rollenden Augen comichaft aber männlich wirkt und eine Perücke im Stil des achtzehnten Jahrhunderts trägt. Ein Philosoph, der mit einem Gedanken schwanger geht?

Teilweise abstrakte Halbportraits und Figurenkonstellationen vor Landschaften oder Interieurs finden sich in Rappolds Arbeit häufig. Diese Portraits sind auf vielfältige Weise interpretierbar. So werden zentrale Figuren politischer Phänomene im Kontext der Gegenwartskultur zwischen Realität und populärer Narration in ihrer Bildlichkeit reflektiert. In diesem Sinne ist das Portrait eines Reeders im Kontext der Griechenlandkrise, das Bildnis eines Dogen als historische Referenz auf den Diskurs rund um die Bankenkrise und das Zitat eines mittelöstlichen Feldherrn im Kontext der Eroberungszüge des Islamischen Staates interpretierbar.

Anderseits zitiert Rappold verfremdet, paradox gewendet und individuell neuinterpretiert zentrale, stets wiederkehrende Figuren der westlichen und fernöstlichen Kulturgeschichte: historische Persönlichkeiten aller Art, Lichtgestalten des Pop und Jazz wie Grace Jones, Yusef Lateef und Freddy Mercury sowie vereinzelt skurrile Exemplare aus dem Reich der mythischen Fabelwesen oder Vertreter der europäischen Götterwelt: Poseidon, Penthesilea, ein Agaven-Geist.

Diese Motive changieren zwischen dem Höchstpersönlichen und den Geistern der Zeit: Höchstpersönlich sind sie einerseits, da sie nur zeigen, was der einzelne Betrachter unter den sich verschlingenden und konkurrierenden Linien auswählt. Anderseits weil die Portraits hypothetische, konkrete Individuen präsentieren: Jedes Bild scheint einen Referenzrahmen zu öffnen auf eine neu zu erzählende Geschichte, die es nicht gibt.

Gemein haben die Figuren bloß, dass sie alle einen Ring des konstitutiven Außen bilden, des Normalen und daher Randfiguren des Menschlichen sind. Denn sie sind Transgressionen zwischen menschlich/ tierisch, fiktional/ politisch, vergangen/ gegenwärtig aber auch zwischen männlich/ weiblich wie im Fall des schwangeren Philosophen. Sie verbinden Hochkultur und Popkultur, wenn Prinz Eugen mit den Insignien des ebenfalls altösterreichischen Gene Simmons (Kiss) geschmückt wird und griechische Mythologie mit Queer Culture, wenn sich Poseidon mit diversen primären Geschlechtsmerkmalen abgebildet findet.

Bernhard Rappold zeigt im Prince of Wales kein Understatement, sondern eine artikulierte, vielgesichtige Position, ohne romantisch zu werden – keine aufgesetzte Coolness, die Rat- und Einfallslosigkeit kaschiert. Er zeigt keine Kunstverachtung in der Kunst, sondern schöpft aus dem Vollen.

Larissa Wallner


Bernhard Rappold - TWANG OF TEN
28.10. – 19.11., Do - Sa, 16 - 19 Uhr
Prince of Wales, Ohlmüllerstraße 17, 81541 München



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