Seitenstraßen des „Pop-Art“ Highway (tageszeitung.it)

Der Wiener Künstler Bernhard Rappold absorbiert in seiner Malerei Hand- und Stoffarbeit, Fotografie, Video, Musik und sogar Gitarrenbau. Ab Samstag stellt er im Kunstforum Unterland aus. Ein Gespräch über hyperinklusive Malerei, Popkultur und die Pornosammlung von Erwin Puls. (Interview: Heinrich Schwazer )

Tageszeitung: Herr Rappold, was ist hyperinklusive Malerei?

Bernhard Rappold: Ich hab das auch noch nicht so oft gehört, aber ich denke, es bedeutet seine Einflüsse aus verschiedensten Disziplinen und auch Epochen zu beziehen. Der in Meran geborene Künstler Oswald Oberhuber könnte da ein Archetyp sein.

Etwas einzuschließen, bedeutet immer auch etwas auszuschließen. Ist Hyperinklusion überhaupt möglich?

Diese Beschreibung meiner Arbeit stammt von einer befreundeten Künstlerin (Kathi Hofer). Das Spannende an der Bildenden Kunst ist ja auch der Umstand, dass Begriffe und Benennungen oft nur eine Art Krücke, einen Behelf, darstellen, der nicht perfekt passen kann. Sonst würde man ja nur Texte schreiben. Man könnte versuchen, synthetische Begriffe zu erfinden, die dann aber wieder keine exakten Analogien zum Visuellen erzeugen würden. Ich denke, in der Bildenden Kunst gibt es viele Tendenzen etwas „zuzuspitzen“, zu reduzieren. Etwas kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen ist eine Strategie, die vielleicht nicht meinem Naturell entspricht. Mich interessiert eine gewisse Offenheit, verschiedene Arbeitsweisen parallel zu verfolgen. Dem „Ausschließen“ stehe ich folgerichtig auch offen gegenüber.

Popkultur funktioniert hyperinkludierend in der Einebnung aller künstlerischen Valeurs. Übertragen Sie das auf die Malerei?

Ich habe da keinen bewussten Übertragungsprozess. Popkultur ist ein riesiges Feld, das sich wunderbar dazu eignet aneinander vorbeizureden. Höre ich „Popkultur“, dann denke ich als erstes an Musik, dann an Warhol. So geht’s vielleicht vielen. Vielmehr aber interessiert mich Paul Thek. Er hat den „Pop-Art“ Highway zugunsten verschlungener Seitenstraßen („Individuelle Mythologien“ nach Harald Szeemann) verlassen.

Was ist an Malerei, die alles, sogar Gitarrenbau einschließen kann, noch Malerei?

Ich baue vor allem elektrische Lapsteel Gitarren. Diese sind vom handwerklichen Aspekt her so einfach, dass man sich vor allem auf die Form und die Ästhetik konzentrieren kann. Das war schon immer so. In den 1950er Jahren bauten beispielsweise die Firmen Framus oder Herrensdorf, die verrücktesten und schönsten Gitarren solcher Art. Sie wurden auch oft von Hobbymusikern selbst gebaut. Vielleicht hat in den 1950ern ein Automechaniker seine eigene Lapsteel Gitarre gebaut um sie in seiner Countryband zu spielen. Ich als Maler baue sie heute, um sie in meinen Ausstellungen als Objekte zu verwenden. Die Frage, ob meine Gitarren Malerei sind, habe ich mir noch nicht gestellt, aber sie sind – wie viele herkömmliche Gitarren ja auch – bemalt

Warum genügt Ihnen der Pinsel nicht, um Bilder zu malen?

Ich male fast immer mit einem Pinsel. Ich habe aber schon mal diverse Pinsel manipuliert. Wie ein Friseur habe ich dem Pinsel die Haare geschnitten. Das bringt dann andere Linien. Wenn man viel malt, kommt man auf solche Ideen.

Das Ergebnis sind Stoffobjekte, die durch einen „Klangkolorismus“ elektrisieren. Ist damit Paul Klees Synästhesie gemeint?

Bei Synästhesie fällt mir zuerst der wunderbare David Thomas (Sänger von Pere Ubu) ein, der recht glaubhaft vermittelt, dass er auch an dieser Krankheit der künstlerisch Hochbegabten leidet. Ich würde mir selbst so eine tolle Schwäche nicht diagnostizieren, aber ich wehre mich nicht dagegen, sollten es andere versuchen.

Zu Ihrer Ahnengalerie zählen Randfiguren der Kunstgeschichte wie Michael Buhte, Paul Thek und den Pornosammler Erwin Puls. Warum gerade die?

Warum mich das besonders berührt, ist schwer zu sagen. Bei Puls und den Pornos ist es vielleicht am einfachsten zu erklären. Aus der uns alle einenden Banalität das Besondere zu filtern, etwas Berührendes zu schaffen, das beeindruckt mich.

Der Titel Ihrer Ausstellung im Kunstforum Unterland „Zé Carlos“ bezieht sich auf die magische Tradition der brasilianischen Künstlernamen. Wie darf man das verstehen?

Das ist biographischer Natur. Mein Künstlerfreund Carlos Vasconcelos und ich haben 7 Jahre ein Atelier geteilt. Er hat mir Großartiges aus der brasilianischen Hoch und Populärkultur eröffnet und durch ihn kam es auch zum Kontakt mit dem Kunstforum Unterland. Er verwendet niemals seinen ersten Vornamen José. Würde er in Recife als regional bekannter Künstler leben, dann würden ihn die Leute vermutlich „Zé Carlos“ rufen.

Ihr Motto lautet: Wer eine Tätigkeit gut und kunstfertig ausübt, der wird mit der Zeit zum Künstler – zum Mestre – egal ob Tamburinspieler, Handwerker oder Fußballer. Klingt einfach. Ist es auch so?

Das ist nicht mein Motto, aber in Brasilien scheint es so zu sein und ich finde, das klingt doch toll. Aber vielleicht erliege ich da dem Exotismus, so wie Buthe.

Interview: Heinrich Schwazer

space

text1
text2

text3
text4
Papercuts Zine (L.A.) Trumatic Review:
Read-the-Papercuts-Troumatic-Review

.


bernhardrappold works recentexhibitions publications etc contact cv